Teutoburger-Wald-Verein

Deutscher Wandertag 1905

Der deutsche Touristentag in Detmold vom 9. – 11.September 1905

Unserem Nachbarvereine, dem Teutoburger Waldverein, war diesmal die Ehre zu Teil geworden, den Deutschen Touristentag in den Mauern seiner lieblichen Haupt- und Residenzstadt Detmold zu beherbergen. Da durfte auch der Eggegebirgs-Verein nicht fehlen. Als ich zur jetzt so berühmt gewordenen Tunnelstation kam, sagte mir der eifrige und humorvolle Wirt, dass schon ein ganzer Wagen von fidelen Touristen besetzt sei.
Leider konnte ich noch kein bekanntes Gesicht aus dem Eggegebirge entdecken. Doch auf dem Bahnhof Himmighausen, wo ein längerer Aufenthalt war, machte ich die erste Bekanntschaft mit verschiedenen süd- und mitteldeutschen Vertretern. Einer derselben, von Hameln kommend, hatte den langen Aufenthalt benutzt, um im Teutoburger Hofe zu speisen. Nicht nur das vorzügliche Essen, sondern besonders der „badische Wein“ hatten ihm riesig imponiert.
In Sandebeck stieg dann endlich ein Vertreter des Eggegebirges ein.
In Detmold angelangt, begaben wir uns nach kurzer Wanderung durch die fahnengeschmückten Straßen zur Ressource, wo etwas nach vier Uhr die Hauptversammlung begann.
Der Vorsitzende, Geheimrat Euting aus Straßburg, eröffnete dieselbe.
Zunächst begrüßte der Hofmarschall Graf Rittberg die Vertreter namens des Graf Regenten; dann überbrachte Regierungsrat Ernst die Grüße der Regierung, insbesondere des abwesenden Staatsministers Gevekot. Oberbürgermeister Wittje hieß die Versammlung namens der Stadt Detmold, Kommerzienrat Hinrichs namens des Teutoburger Waldverein herzlich willkommen.
Der Namensaufruf ergab, daß 29 Vereine vertreten waren, und zwar:

–           Vogesenklub (der vollständig erschienene Centralausschuß, 5 Mitglieder),
–           Schwäbischer Alb-Verein (4),
–           Odenwaldklub (2),
–           Loreley-Frankfurt (1),
–           Wiesbadener Rhein- und Taunusklub (1),
–           Homburger Taunusklub (1),
–           Verein der Spessartfreunde ((1),
–           Verein der Hochspessartfreunde (1),
–           Spessartverein Lichtenau (1),
–           Westerwaldklub (1),
–           Verein für Mosel, Hochwald und Hunsrück (1),
–          Eifelverein (4),
–           Vogelsberger Höhenklub (1),
–           Rhönklub (1),
–           Oberhessischer Touristenverein (1),
–           Niederhessischer Touristenverein ((5),
–           Sauerländischer Gebirgsverein (12),
–           Sollingverein (2),
–           Hannov. Touristenverein (3),
–           Hannoverscher Gebirgsverein (1),
–           Frischauf-Berlin (1),
–           Erzgebirgs-Verein (4),
–           Verband Vogtländischer Touristenvereine (5),
–           Knüllklub (1),
–           Verein für Schülerherbergen Hohenelbe (1),
–           Wesergebirgs-Verein (2),
–           Teutoburger-Waldverein (25),
–           Eggegebirgs-Verein (2);

auch waren 2 Vertreter des Verbandes Deutscher Verkehrsvereine anwesend.

Den Jahresbericht erstattete Direktor Dr. Luthmer. Aus demselben ging hervor, daß der Verband z. Zt. 53 Vereine mit 135 000 Mitgliedern umfasst.
Den Kassenbericht erstattete Direktor Neuerburg. Das Jahr 1904 schloß ab mit einem Bestande von 1239,97 Mk. Das Jahr 1905 hatte bisher schon 2907,78 Mk. Einnahmen und 641,26 Mk. Ausgaben, sodaß ein Bestand von 2266,52 Mk. in der Kasse ist.
Der Leiter des Verkehrsausschusses, W. Stauffer-Frankfurt teilte mit, dass die Anfragen aus Touristenkreisen bedeutend im Wachsen begriffen seien, mit Zustimmung der Versammlung erklärte er, dass er Auskunft über „Alpines“ demnächst zurückweisen müsse. Rechner Ströhmfeld-Stuttgart legte den ganz kürzlich fertig gewordenen 2. Band des Wanderbuches auf den Tisch des Hauses, wovon jeder vertretene Verein ein Exemplar erhielt.
Die Neuwahl des Zentralausschusses für die nächsten 5 Jahre fiel auf den Rhönklub. Diesem wurde die Auswahl des Festortes für den Verbandstag 1906 überlassen; die meiste Sympathie fand Würzburg. Der Verbandsbeitrag soll, wie bisher, 1 Pf. Pro Mitglied, mindestens 10 Mk. Pro Verein betragen.
Die Versammlung befaßte sich sodann mit der geplanten Personentarifsreform. Verschiedene Redner, namentlich Freese-Hameln und Hinrichs-Detmold empfehlen die weitere Ausgestaltung des Sonntagsfahrkartenverkehrs, insbesondere wurde vorgeschlagen, daß die Sonntags gelöste, einfache Fahrkarte, einerlei woher und wohin, für diesen Tag auch als Rückfahrkarte gelten solle.(Schön wär’s, aber —-).
Zuletzt einigte sich die Mehrzahl der Vertreter auf folgende Resolution:
„Die Hauptversammlung deutscher Touristenvereine hat mit Befriedigung aus den Erklärungen des preußischen Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten im preußischen Landtage ersehen, daß an den Sonntagsfahrkarten, Feriensonderzügen und wie alle diese besonderen Vergünstigungen, die sich eingebürgert haben, heißen mögen, nichts geändert werden, diese vielmehr im bisherigen Umfange und zu den bisherigen Preisen aufrecht erhalten bleiben sollen, und spricht die Hoffnung aus, daß die Reform auch wirklich in diesem Sinn erfolgen wird. Im Interesse der Erhaltung der Volksgesundheit, sowie die Liebe zu unserer Heimat ist, falls Änderungen notwendig sein würden, eine weitere Ausdehnung der bisher in touristischem Interesse liegenden Vergünstigungen, nicht eine Beschränkung derselben anzustreben.“–
Zu bedauern war, daß diese und andere Resolutionen nicht vorher den Vereinen mitgeteilt waren.  Hoffentlich hat die Resolution, welche allen beteiligten Regierungen mitgeteilt wird, den von allen Vereinen erwarteten Erfolg!
Der Touristentag befürwortete weiterhin folgende Resolution des Odenwaldklubs:
„ Der Odenwaldklub bezeichnet es als dringend empfehlenswert, daß die Ruinen des Heidelberger Schlosses in Rücksicht auf ihre romantischen Reize und landschaftliche Bedeutung in ihrem derzeitigen Zustande erhalten bleiben, und erklärt, dass von einer Veränderung durch einen Ausbau oder Aufbau nicht die Rede sein solle, solange – wie dies bereits von hervorragenden  Sachverständigen geschehen ist – noch Mittel angegeben werden können, um den derzeitigen Zustand zu erhalten.“

Pastor Löscher-Zwönitz gab einen Bericht über die Schülerherbergen, wie sie schon seit längerem im Erzgebirge sich vorzüglich bewährt haben und jetzt auch mit bestem Erfolge in der Eifel eingeführt sind.

Die Versammlung erklärte ferner ihre volle Zustimmung zu einem im Tourist erschienenen Artikel gegen das Rasen der Automobile.
Prof. Nägeli-Tübingen dankte zum Schluß namens der Versammlung dem scheidenden Centralausschusse für seine Mühewaltung. Gegen 7 ½ Uhr endete die Hauptversammlung.
Um 9 Uhr begann im Lippischen Hofe der Festkommers, welchen Geheimrat Euting eröffnete und leitete.
Die Festrede hielt Prof. Thorbecke – Detmold. Der Gesangverein „Frohsinn“ trug einige stimmungsvolle Lieder vor. Bei Becherklang und  Commersgesang entwickelte sich bald ein gemütliches Leben:
Und es müssen manche sehr, sehr lange ausgehalten haben (die Eggebrüder mußten schon früh mit dem Zuge heim); wurde uns doch anderen Tages erzählt, ein solider Gebirgsbruder habe anderen Morgens seine Stiefel ins Bett und sich selbst vor die Zimmertür gelegt!
Die in Detmold gebliebenen Theilnehmer besuchten am Sonntagmorgen das Promenadenkonzert am Krummenhause im Buchenberge. Dann besichtigten sie den Palaisgarten, in welchem seit langen Jahren zum ersten Male die Wasserkünste spielten, ferner das Residenzschloß, dessen Besichtigung vom Grafregenten  in entgegenkommender Weise freigestellt war.
Der freie Frühschoppen lockte endlich alle nach der Ressource. Wie es da zugegangen ist, weiß der Berichterstatter nur vom Hörensagen, weil er selbst erst am Nachmittage von Driburg wieder herankam, aber zwei andere Eggebrüder können davon erzählen.
Ein Parademarsch soll’s gerade nicht gewesen sein, mit dem die Teilnehmer um 3 Uhr zur Grotenburg marschierten.
Doch das Festessen auf der Grotenburg half allen wieder auf die Beine. Zwei Damen begleiteten mich nach oben.
Als ob’s der Himmel auf uns besonders abgesehen hätte, hatte er alle seine Schleusen geöffnet.
Am Festessen beteiligten sich annähernd 200 Personen. Eine Militärkapelle ließ während derselben ihre schönsten Weisen ertönen. Das Menü war einfach großartig und fand allseitigen ungeteilten Beifall.
Geheimrat Euting teilte verschiedenen Begrüßungstelegramme mit, Hofmarschall Graf Rittberg entschuldigte telegraphisch das Fernbleiben des fürstl. Hofes mit der Hoftrauer.

Kommerzienrat Hinrichs, Oberlehrer Metzner-Plauen, Bürgermeister Löcke-Arnsberg und Ingenieur Happel-Cassel hielten humorvolle Ansprachen.Um 6 Uhr wurde es schon dunkel  und eilte man nun zum nahen Hermannsdenkmal.
Mit der Aussicht war’s ja für diesmal Essig, höchstens hatte man die Aussicht, später einmal eine bessere Aussicht zu haben!
Nichtsdestoweniger lauschte die große Volksmenge der von warmer Liebe zum Vaterlande, zu den heimischen Bergen durchdrungenen Ansprache des Prof. Nägeli-Tübingen, welche mit einem besonderen Hoch auf das deutsche Vaterland schloß.
Ob die gegen 6 ½ Uhr vollzogenen photographische Aufnahme der Festteilnehmer ein befriedigendes Resultat gehabt hat, konnten wir noch nicht in Erfahrung bringen.
Von der Grotenburg eilten wir nach Detmold zurück, wo sich in der Ressource, im Lippischen Hofe und Deutschen Hause ein munteres Treiben entwickelte.
Schöne Wanderungen führen die Festgenossen am Montag zu den Externsteinen, wohin auch unser Sandebecker Vertreter gekommen war. Dann wandte man sich am Nachmittag nach den verschiedenen Himmelsrichtungen.
Ca. 15 Herren fuhren nach Driburg, wo sie vom Abteilungsvorstande begrüßt und zum Brunnen geleitet wurden. Hier waren noch vertreten der Centralausschuß, der Schwäbische Albverein, der Vogtländische Gebirgsverein, die Wiesbadener Rhein- und Taunusklub, der Sauerländische Gebirgsverein, der Rhönklub und eine Reihe Herren und Damen vom E.G.V. Die Kurkapelle spielte manch schönes Stückchen, alte Universitätsprofessoren und Justizräte schwangen eifrig das Tanzbein! Ein kräftiges Gewitter konnte der fidelen Stimmung keinen Abbruch tun.
Allgemein waren die Vertreter, deren letzte Getreue am anderen Morgen zur Iburg hinaufaufstiegen, entzückt von der schönen Lage Driburgs. Möge auch das Eggegebirge aus diesem Besuche seinen Nutzen ziehen.
Vor allem aber wollen wir wünschen, daß die späteren Verbandstage regelmäßig und zahlreich von E.G-Brüdern besucht werden; sie verdienen es sicherlich!

Quelle: – ein Bericht aus dem „Egge-Gebirgs-Boten“, 4. Jahrgang, Oktober 1905
bearbeitet von Barbara Brockmann